Wieso ihr niemals fragen solltet: “Na, wann bekommt ihr endlich Babys?”

Wieso ihr niemals fragen solltet: "Na, wann bekommt ihr endlich Babys?" // Kolumne zum Thema Fehlgeburt

Es ist eine leidige Frage und eine, die bestimmt jede von uns schon einmal gehört hat. Sobald man über 20 ist, scheint jeder Verwandte auf der Familienfeier Interesse daran zu haben, wann man gedenkt die eigene Gebärmutter zu aktivieren.

Wenn man dann über 25 und sogar vergeben ist, dann macht keiner vor der Frage: “Na, wann ist es denn bei bei euch soweit, wann bekommt ihr denn ein Kind?” mehr Halt.

Es scheint, als wäre die Reproduktionstüchtigkeit unserer Fortpflanzungsorgane Gesprächsthema Nummer eins bei Tante Helga und Oma Hilde. Tja, schade nur, dass sie das gar nichts angeht.

Kurz nach unserer Hochzeit vor vier Jahren, fing die Fragerei an. Am Anfang konnte ich sie meiner Verwandtschaft gar nicht übel nehmen. Ich stand bloß da uns lächelte gequält. Doch schon bald nervte mich diese Frage mehr, als die Parkplatzsuche an einem Samstag Vormittag in der Innenstadt. Und das will was heißen. Wieso ist es eigentlich okay, so persönliche und intime Fragen zu stellen? Davon auszugehen, dass nach einer Trauung sofort ein Baby kommen muss?

Und dann passierte es.

Wir entschieden uns dafür, schwanger zu werden und tatsächlich klappte es beim ersten Versuch. Doch es war anders, als wir es erwartet hatten, die Freude wurde bald von Trauer getrübt, ich erlitt eine Fehlgeburt. Niemand wusste zu dem Zeitpunkt davon, dass wir einen Kinderwunsch hatten. Niemand wusste von unserem Verlust.

Die Monate nach der Fehlgeburt waren hart und emotional aufwühlend. Ich fühlte mich schwach und niedergeschlagen und meine Bullshit-Toleranzgrenze lag bei Null.

Natürlich stand auch schon bald das nächste Familienzauber-Event an und ich ahnte schon, wonach man sich bei uns erkundigen würde. So ließ die Frage aller Fragen auch nicht lange auf sich warten. Eine Bekannte meiner Mutter näherte sich, erzählte von ihrem Enkelkind und beendete die “spannende” Geschichte mit dem Satz: “Na, jetzt wird es bei euch ja auch langsam an der Zeit Kinder zu haben!”

Rückblickend war das der Moment, an dem für mich einiges klar wurde. Zum einen, dass es niemanden angeht, was meine Gebärmutter gerade macht – immerhin fragt mich auch niemand auf Familienfeiern, ob ich meine Tage habe oder nicht – und zum anderen, dass es nicht in Ordnung ist, eine Frage zu stellen, deren Antwort vielleicht niemand hören will. Es gibt Paare, die probieren jahrelang Kinder zu bekommen und es will nicht klappen. Es gibt Paare, die wollen gar keine Kinder und das ist vollkommen in Ordnung. Es gibt auch hier, wie bei so vielem im Leben, keine einfache, einheitliche Erklärung. Deshalb ist es völlig legitim zu verlangen, dass sich niemand in der Kinderplanung einmischen sollte. Schon gar nicht Kunz und Heinz.

“Ich hatte gerade eine Fehlgeburt.” sagte ich, ohne eine Miene zu verziehen. Totenstille. Die Bekannte meiner Mutter war kreidebleich und sichtlich peinlich berührt. Ich hab ihr zugenickt und bin gegangen.

Ich vermute mal, die Frage hat sie danach nicht mehr so leichtfertig gestellt.

Und das ist auch gut so, schließlich haben wir alle ein Recht darauf, wichtige und persönliche Dinge mit den Menschen zu teilen, die uns am Herzen liegen – oder eben auch nicht.
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Über Evelyn: Nach elf Jahren im schönen Wien, lebt Evelyn – Redakteurin und zwischenzeitlich Zweifach-Mama – seit über einem Jahr in München. Sie ist 30 und bloggt bereits seit zehn Jahren, zunächst auf The ME Fashion und seit 2016 auf Little Paper Planekein „typischer Mamablog“, dafür  kontrovers und manchmal aneckend aber immer ehrlich.

Sie glaubt an eine Welt, in der Kinder als Individuen großgezogen und dabei in keine Geschlechterrollen gezwungen werden, in der wir auch als Mütter sagen können, dass nicht immer alles nur gut ist und in der Muttersein das Frausein nicht ausschließt.
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Wir fragen an dieser Stelle also ganz bewusst nicht nach euren Erfahrungen zum Thema Fehlgeburt – aber unsere Herzen sind jeden Tag bei all den Familien, die ein Kind verloren haben. Und manchmal hilft es doch einfach, zu wissen, dass man nicht alleine ist, oder? 


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